Nachruf auf Detlef Kantowsky, Gründer des Internationalen Asienforums

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Gründer des Internationalen Asienforums / International Quarterly for Asian Studies verstorben

 

In memoriam Detlef Kantowsky (1936 – 2018)

 

Als Detlef Kantowsky zusammen mit dem Verleger Alois Graf vor Waldburg-Zeil im Jahr 1970 das Internationale Asienforum ins Leben gerufen hatte, betrachtete er dieses Projekt als ein Wagnis mit eher ungewissem Ausgang. Er hatte sich wohl damals nicht so richtig vorstellen können, dass diese Zeitschrift heute noch existiert, wenn auch in etwas anderer Form.

Dass dies so ist, daran hatte Detlef Kantowsky ganz entscheidenden Anteil. Mit der ihm eigenen Disziplin und Präzision, Kollegialität und Zuverlässigkeit kümmerte er sich fast vierzig Jahre um die Zeitschrift. „Man muss sich tummeln, um das Asienforum am Leben zu erhalten“, sagte er einmal und nahm diesen Satz als Maßstab seines eigenen Tuns. Er sprach potentielle Autoren an, warb auf Konferenzen für die Zeitschrift, gestaltete aktiv Themenblöcke und trug selbst mit vielen eigenen Beiträgen zum Gelingen des Asienforums bei. Gleich in der ersten Ausgabe (1970) war er mit einem eigenen Beitrag über „Gandhi und Indiens Entwicklung heute“ vertreten. Es folgten regelmäßig weitere Beiträge, die die vielfältigen geistigen Interessen Detlef Kantowskys widerspiegelten. Dazu zählten auch zahlreiche Rezensionen und Berichte über Konferenzen.

Detlef Kantowskys Interesse an Indien reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Zunächst in Heidelberg, dann ab Herbst 1964 an der Benares Hindu University lernte er Hindi, um ein Jahr später, zusammen mit seiner Frau Ingrid, in „sein“ Dorf in der Nähe von Benares zu ziehen, ein Ort, an den er in den folgenden Jahren immer wieder zurückkehren sollte. Seine detaillierten Untersuchungen über die Dorfentwicklung und Dorfdemokratie in Indien anhand dreier Dörfer im östlichen Uttar Pradesh mündeten in eine Schrift, mit der er sich 1968 an der Universität Konstanz habilitierte und die 1970 publiziert wurde. Seine Studien über das indische Dorfleben, das bis heute für die überwiegende Zahl der indischen Bevölkerung Alltag ist, hat er in zahlreichen weiteren Aufsätzen publiziert, die zum ersten Mal im Jahr 1972  gesammelt in der Edition Suhrkamp erschienen sind. Seine mehr persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit der dörflichen Lebenswelt und ihren Bewohnern schrieb er in dem Buch „Bilder und Briefe aus einem indischen Dorf. Rameshvar 1965 – 1985“ (Frankfurt 1986, engl. 1995) nieder. Es zeugt von großer Empathie und Sympathie für die Dorfbewohner, von Freud und Leid, aber auch vom kritischen Blick des Soziologen, der jedoch als teilnehmender Beobachter die Menschen nie auf Forschungsobjekte reduzierte und seine Rolle als von außen kommender Fremder stets mitreflektierte.

Detlef Kantowskys Studien sind eher kurz gehalten, auf das Wesentliche ausgerichtet. Er war ein Meister der knappen Worte und der treffenden Ausdrücke. Ausschweifende Darstellungen waren ihm fremd. Und oft wurde das geschriebene Wort, wenn es nicht ausreichte, durch geradezu künstlerische Schwarz-Weiß-Fotografien ergänzt. Besonders wirkungsvoll ist ihm diese Kombination von Wort und Bild in den großformatigen Bänden über Gandhi („Gewaltfrei leben“, 1992; „Wahrhaft sein“, 1995) und „Gotama Buddha“ (1996, mit E. Saß) gelungen.

Der offiziellen Entwicklungspolitik stand Detlef Kantowsky stets kritisch gegenüber. Bereits im ersten Jahrgang des Asienforums nahm er mit „einigen, teilweise polemischen Bemerkungen zur sogenannten „Entwicklungsländersoziologie““ Stellung. Im Rahmen einer umfangreichen Evaluierung für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) lernte er Mitte der 1970er Jahre in Sri Lanka die auf gandhianischer und buddhistischer Grundlage ruhende Sarvodaya- Bewegung kennen. Auf Gandhi war er bereits einige Jahre zuvor gestoßen, die buddhistische Lehre trat jetzt hinzu. Sie motivierte ihn, eine eigene Studie über Sarvodaya zu schreiben und sich intensiv mit alternativen Entwicklungsprogrammen zu befassen, die sich bewusst von einem einfachen westlichen Entwicklungsparadigma verabschiedet haben. Er selbst charakterisierte Sarvodaya als eine autochthone Form ‚innerweltlicher Askese‘, seiner Monographie gab er den Titel „Sarvodaya – The Other Development“ (New Delhi 1980, Hindi-Ausgabe 1984). Hier liegt auch sein wachsendes Interesse am Buddhismus und an Max Webers religionssoziologischen Studien über den Hinduismus und Buddhismus begründet, die ihn ab 1980 in Bann zog. Detlef Kantowskys zentrales Anliegen bestand darin, auf die Fehlrezeption von Webers Studie in Südasien hinzuweisen. Damals begann er auch, sich zunehmend mit buddhistischer Lebensführung und Daseinsinterpretation zu beschäftigen und ab 1990 an der Universität Konstanz die Reihe ‚Buddhistischer Modernismus‘ herauszugeben, in der auch sein „Buddhisten in Indien heute“ (1999, engl. 2003) erschienen ist. Sechs Jahre zuvor hatte er „Buddhismus. Lehrer, Lehre, Weg und Weggemeinschaft“ veröffentlicht. Seine kritische Haltung zum westlichen Entwicklungsmodells schlug sich programmatisch in der Aufsatzsammlung „Von Südasien lernen. Erfahrungen in Indien und Sri Lanka“ (Frankfurt 1985; erw. Aufl. Konstanz 1992) nieder, in der er bewusst den Blick nicht, wie sonst üblich (Von Europa lernen, D. Senghaas), von West nach Ost, sondern von Ost nach West richtete. Diese Schriften können wie eine Einlösung des Mottos gelesen werden, das Detlef Kantowsky schon der ersten Ausgabe des Asienforums im Jahr 1970 voranstellte: „… die Beiträge wenden sich an ein Publikum, dem bewusst ist, dass Europa und Asien zunehmend mehr aufeinander bezogen sind“. Diese Einsicht hat nichts von ihrer Aktualität verloren, sie gilt immer noch für das Internationale Asienforum / International Quarterly for Asian Studies.

Detlef Kantowsky lehrte seit 1969 Soziologie und interkulturellen Vergleich an der Universität Konstanz. Anfang 1999 ließ er sich frühzeitig pensionieren, wohl auch deswegen, weil er sich vom Alltag des Wissenschaftsbetriebs innerlich zu sehr entfernt hatte. Hinfort bearbeitete er Themen wie die indische Arbeitsmigration nach Mauritius, die Geschichte der dortigen Zuckerproduktion und – für ihn persönlich sehr bedeutend – den japanischen Teeweg und seine Rezeption im deutschsprachigen Raum. Nicht zufällig lautete seine letzte Publikation im Asienforum „Der Teekult in Japan. Eine Erinnerung an das grundlegende Werk von Anna Berliner“ (2009, Heft 1-2), gefolgt von einem kurzen Kommentar zu der damals geplanten Versteigerung der wenigen persönlichen Habseligkeiten Mahatma Gandhis. Damit schloss sich der Kreis seiner Beiträge, der im ersten Heft mit Gandhi begann und im letzten unter seiner Herausgeberschaft mit Gandhi endete.

Die Praxis der japanischen Tee-Zeremonie teilte er gerne mit seiner Frau Ingrid im gemeinsamen Haus in Bodman am Bodensee. Ihr unerwarteter Tod an Weihnachten 2013 traf ihn tief. Er selbst ist vier Jahre später, am 29. Januar 2018, gestorben. Die Herausgeber sowie die alten und neuen Mitglieder des Beirats und der Redaktion sind Detlef Kantowsky für sein vier Jahrzehnte währendes Engagement in großer Dankbarkeit verbunden. Ohne ihn wäre das Internationale Asienforum / International Quarterly for Asian Studies nicht zu dem geworden, was es heute ist: eine renommierte, internationale Fachzeitschrift zu Asien, die in einer Welt des raschen Wandels die wechselnden Problemlagen Fragestellungen aufgreift, vorausdenkt und analysiert.

Clemens Jürgenmeyer